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Außenpolitik & Evangelische Kirche & Heinrich-Böll-Stiftung » Reflexe überprüfen – Afghanistan, Käßmann, Fücks, „Grüne Linke“
12Jan

Reflexe überprüfen – Afghanistan, Käßmann, Fücks, „Grüne Linke“

I.

Da hat die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, in einem kurzen Zeitungsinterview sowie in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche einige Sätze zu Afghanistan gesagt. Ihre Aussagen waren in keiner Richtung besonders radikal; sie waren mahnend – das ist gut –; soweit man konkrete Forderungen daraus ablesen möchte, waren diese zurückhaltend formuliert.

Die Aussagen Margot Käßmanns sind in der Öffentlichkeit auf Kritik gestoßen. Das ist in Ordnung, soweit damit eine inhaltliche Auseinandersetzung verbunden ist. Eine völlig andere Frage ist die eher formale Kritik, inwieweit eine herausragende Repräsentantin einer Kirche sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen äußern kann und soll. Als evangelischer Christ bin ich Frau Käßmann, auch ihren Vorgängern, auch den anderen Repräsentanten der Kirchen ausgesprochen dankbar für ihre Stellungnahmen zu Fragen, die nicht nur evangelische Christen, sondern im Grunde die ganze Gesellschaft bewegen. Das heißt freilich nicht, dass ich mit jeder Stellungnahme im Einzelnen inhaltlich übereinstimme. Es hat in der Vergangenheit immer wieder Situationen gegeben, in denen ich mir mal eine deutlichere, mal auch eine zurückhaltendere Stellungnahme „meiner“ Kirchenoberen gewünscht hätte.

II.

Die Aussagen zum deutschen Afghanistan-Einsatz nahm Ralf Fücks zum Anlass für einen „offenen Brief“ an Margot Käßmann. Das Format „offener Brief“ hat eine eigene Dynamik, die hier nicht weiter erörtert werden soll. Ralf Fücks äußert sich in seiner Eigenschaft als Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung immer wieder zu tagesaktuellen Fragen, was dazu geführt hat, dass er in der breiteren Öffentlichkeit vielfach als „das Gesicht“ der HBS wahrgenommen wird. Der inhaltliche Tiefgang hält jedoch leider vereinzelt mit der Häufigkeit seiner Wortmeldungen nicht Schritt. So wirkt seine Rechtfertigung des Afghanistan-Einsatzes an dieser Stelle etwas formelhaft.

Fücks’ Brief an Frau Käßmann ist insofern auch problematisch, als er auch persönliche Aspekte damit vermengt – er stellt aus seinem Selbstverständnis als Mitglied der Evangelischen Kirche die Berechtigung der EKD-Ratsvorsitzenden zu einer kritischen Stellungnahme zu dem die Politik, Gesellschaft, aber auch die Christen in unserem Lande sehr bewegenden Thema Afghanistan in Frage.

Gleichwohl: Als Mitglied der Heinrich-Böll-Stiftung wünsche ich mir auch weiterhin kritische, gern auch kontroverse Stellungnahmen des Stiftungsvorstandes und anderer Repräsentantinnen und Repräsentanten der Stiftung. Dass diese dann hier und dort etwas anecken, ist unvermeidbar.

III.

Der nächste „offene Brief“ kommt von den „Grünen Linken“. Sie stilisieren Margot Käßmann zu einer prinzipiellen Gegnerin des Afghanistan-Einsatzes und nehmen sie für die Positionen der „Grünen Linken“ in Anspruch – zu Unrecht, wie Käßmanns jüngere Äußerungen noch einmal belegen. Ihre Worte sind – Gott sei Dank – differenzierter als die reflexhaften Äußerungen der beiden genannten „offenen Briefe“. Schließlich ist Fücks’ ungeschickter „offener Brief“ die falsche Gelegenheit für ein Abwatschen des zugegebener Maßen manchmal kantigen und unbequemen Frontmannes der Böll-Stiftung. Der Vorstand der HBS mit Barbara Unmüßig und Ralf Fücks verantwortet eine vielfältige, qualitativ hochwertige und in der Öffentlichkeit anerkannte Arbeit, die ihresgleichen sucht. Dies möchte ich als Angehöriger der Mitgliederversammlung der HBS unbeschadet mancher Kritik im Detail betonen. Die Mitgliederversammlung, der Aufsichtsrat und der Vorstand der HBS sind glücklicherweise unabhängig von einzelnen Strömungen innerhalb der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Wir nehmen gerne Kritik befreundeter Kreise auf, Ratschläge hinsichtlich der Personalpolitik der Stiftung sind jedoch unangebracht.

IV.

Die Gereizheit der Reaktionen legt insgesamt doch offen, dass den Grünen die Positionen hoher Repräsentantinnen und Repräsentanten der Kirchen nicht gleichgültig, sondern (nicht zuletzt aus biografischen Hintergründen) sehr wichtig sind, auch wenn man sie nicht immer teilt. Das ist ein Zeichen dafür, dass Bündnis 90/Die Grünen längst die politische Heimat der engagierten Christen in unserem Lande ist. Als langjähriger Grüner, der seine gesellschaftliche und politische Sozialisation vor allem in der evangelischen Jugendarbeit erfahren hat, freue ich mich, dass Christen wie Grüne ähnlich um eine verantwortliche Politik Deutschlands und des Westens in Afghanistan ringen. Dazu gehört freilich nicht nur der Verzicht auf reflexhafte Reaktionen, sondern – das ist wohl auch eine christliche Tugend, die die Grünen beherzigen sollten – die Achtung und der Respekt vor der Position des anderen.

Dr. Dietrich Herrmann ist Politikwissenschaftler und entstammt der evangelischen Kirche in Baden. Seit 1982 ist er Mitglied der Grünen. Er gehört der Mitgliederversammlung der Heinrich-Böll-Stiftung an und ist seit 1998 Vorstand von Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen.

Der Text nimmt Bezug auf einige Äußerungen Dritter, die auf folgenden Links zu finden sind:

Margot Käßmann in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche

Margot Käßmann im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung

Ralf Fücks’ offener Brief an Margot Käßmann  in der WELT

Grüne Linke: Offener Brief an Ralf Fücks

Verfasst am 12.01.2010 um 16:53 Uhr von admin mit den Stichworten , , , .
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