1. Den ersten großen Punkt, weshalb die Wahlempfehlung zugunsten einer SPD-Kandidatin für einen Grünen nicht so hopplahopp gehen kann, kann ich relativ kurz machen, weil er plausibel, für jeden nachvollziehbar sein dürfte: Es gibt einfach deutliche inhaltliche Unterschiede zwischen SPD und Grünen: Die SPD ist in der Klimapolitik viel zu zögerlich; während der rot-grünen Koalition hat sie beim Gesetz für Eneuerbare Energien viele der inzwischen von allen als problematisch erkannten Ausnahmetatbestände durchgesetzt; auch jetzt setzt sie immer noch auf Stein- und Braunkohle, obwohl dies nun wirklich eine Energieerzeugung von gestern ist.
In Sachen Bürgerrechte ist sich die SPD an vielen Stellen deutlich von ihren eigenen Maßstäben abgerückt, sie hat während der rot-grünen Koalition auf Verschärfungen (sog. “Otto-Katalog”) bestanden, die nicht zielgerichtet waren und klare Einschränkungen der Bürgerrechte bedeuteten. Während der Großen Koalition hat sie die Forderungen der CDU kaum bremsen können – erinnert sei nur an die Vorratsdatenspeicherung und das Gesetz, das vermeintlich die Kinderpornografie im Internet behindern sollte (unter Experten ist anerkannt, dass dies unwirksam ist), aber letztlich nur ein Einstieg in eine Kriminalisierung vieler Internet-Nutzer bedeuten kann.
In der großen Koalition hat die SPD die Fortsetzung der demokratiefördernden Projekte in Ostdeutschland nicht in angemessener Weise sichern können – die jetzige Variante wird den Herausforderungen durch den Rechtsextremismus nicht hinreichend gerecht.
Für Dresdner ist besonders bitter, dass die SPD auf Landes- und Bundesebene versäumt hat, den Erhalt des Dresdner Welterbes zu sichern. Möglichkeiten dazu hätten bestanden.
Die hier genannten Punkte mögen exemplarisch für eine Reihe weiterer Dissenspunkte dienen und somit für den Zweck dieser Argumentation genügen.
2. Die bestehenden inhaltlichen Unterschiede können nicht darüber hinwegtäuschen, dass – insbesondere in einem Land, in einer Stadt, wo die CDU über viele Jahre die regionale Politik dominiert hat – SPD und Grüne sich relativ gesehen, betrachtet man das ganze politische Spektrum, sowohl inhaltlich als auch politisch-kulturell relativ nahe stehen. Konkret finde ich die SPD-Mitbewerberin Marlies Volkmer auch wirklich sympathisch.
3. Die Problematik der Überhangmandate ist Eingeweihten hinreichend bekannt. Ich selbst habe kurz nach der umstrittenen Wahl in den USA 2000 in einem Vortrag am 22.1.2001, dessen wesentlicher Inhalt damals auch im Internet veröffentlicht wurde (jetzt wieder hier) und zu einer Zeitungsmeldung (Dresdner Neueste Nachrichten 17.1.2001) geführt hat, vor der Möglichkeit gewarnt, dass auch in Deutschland ein Kanzler GEGEN die Mehrheit der Wählerstimmen gewählt werden kann. Ich halte dementsprechend die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 10.4.1997 (BVerfGE 95, 335 – Überhangmandate II) für eine krasse Fehlentscheidung, die Entscheidung vom 3.7.2008 (BVerfGE 121, 266 – Landeslisten) ist zumindest in dem Punkt fehlerhaft, wo sie darauf verzichtet, schon eine (mindestens temporäre) Regelung für die nächste Wahl vorzusehen.
4. Nichtsdestotrotz hatte es die SPD in der Hand, eine verfassungsmäßige Lösung mitzubeschließen – noch im Frühjahr 2009 hatte die bündnisgrüne Bundestagsfraktion einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die gröbsten Fehler des vom Bundesverfassungsgericht gerügten Wahlgesetzes behoben hätte. Experten in der entsprechenden Bundestagsanhörung waren sich darüber einig, dass dieser Vorschlag eine deutliche Verbesserung gebracht hätte, als Überhangmandate über Bundesländer hinweg ausgeglichen worden wären und somit keine zu große Erhöhung der Mandatszahlen erfolgt wäre, wie dies bei Regelungen mit Ausgleichsmandaten der Fall ist. Die SPD hat sich im Frühjahr 2009 somit der Einführung eines verfassungsmäßigen Wahlgesetzes, das die Gefahr von Überhangmandaten minimiert, bewusst verschlossen.
5. Ich kandidiere genau in dem Wahlkreis 160 (Dresden 1), in dem 2005 auf Grund des Todes einer Direktkandidatin eine Nachwahl zwei Wochen nach dem eigentlichen Wahltermin statt fand. Schon 2005 hätte die Möglichkeit bestanden, mit geeigneter Öffentlichkeitsarbeit das Überhangmandat für einen überdies sehr schwachen CDU-Kandidaten zu verhindern. Die SPD kam viel zu spät auf die Idee, die Grünen anzusprechen wegen einer Wahlempfehlung bei der Erststimme. Irgendwelches Entgegenkommen? Fehlanzeige! Bekenntnis zu Rot-Grünen Inhalten? Fehlanzeige! Das Ansinnen der SPD bestand lediglich darin, die Grünen mögen doch bitten ihren WählerInnen empfehlen, mit der Erststimme SPD zu wählen.
6. Das nach wie vor prägende Ereignis für fehlgeschlagene rot-grüne Absprachen über Wahlempfehlungen ist die Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl von 1996. Im ersten Wahlgang lag der grüne Kandidat Rezzo Schlauch hinter dem CDU-Kandidaten; der SPD-Kandidat lag weit, weit abgeschlagen auf dem dritten Platz. Im zweiten Wahlgang (in Baden-Württemberg keine Stichwahl) hielt die SPD ihre – völlig chancenlose – Kandidatur aufrecht, mit dem berechenbaren Ergebnis, dass der blasse CDU-Kandidat – mit knappem Vorsprung vor Rezzo Schlauch – gewählt wurde. Dies ist eine Art von historischem Stolz, der nur noch mit Borniertheit umschrieben werden kann.
Fußnote: Inzwischen stellen die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat die größte Fraktion – die SPD folgt nach der CDU auf Platz drei.
7. In den Augen der meisten SozialdemokratInnen scheint es ein historisches Gesetz zu geben, wonach im Zweifelsfall andere nahestehende Kandidaten immer zugunsten der SPD zurück zu stehen hätten. Gegen solch eine Praxis ist solange nichts einzuwenden, solange der SPD-Bewerber der unter mehreren nahestehenden unzweifelhaft chancenreichste ist. Das ganze wird absurd, wenn in immer mehr Regionen Grüne vor Sozialdemokraten liegen, aber die nach 146 Jahren Parteigeschichte ach so stolzen Sozialdemokraten zu eitel sind, auch einmal eine eine Wahlempfehlung für das Mitglied einer nahe stehenden Partei abzugeben.
8. Wohl wissend, dass 2009 die Überhangmandate sowohl bei der sächsischen Landtagswahl als auch bei der Bundestagswahl eine wahlentscheidende Rolle spielen könnten, habe ich schon vor der Europawahl und Kommunalwahl am 7. Juni meiner sächsischen Parteiführung empfohlen, mit der SPD in Gespräche einzutreten, um Möglichkeiten auszuloten, wie Überhangmandate vermieden werden können. Dieser Empfehlung folgend ist von unserer Seite versucht worden, mit der sächsischen SPD-Führung überhaupt erst einmal ins Gespräch zu kommen. Die Versuche schlugen fehl – die sächsische SPD-Führung sah 2009 nicht einmal Gesprächsbedarf in Sachen Überhangmandate.
9. Bei der Landtagswahl hätte es Möglichkeiten zu gegenseitigen Wahlempfehlungen für die Direktstimme gegeben. Am deutlichsten in Wahlkreis 45 (Dresden-Neustadt/Altstadt), aber auch in anderen Wahlkreisen in Dresden und Leipzig. Es ist unbestreitbar: Hätte auch nur ein Kandidat von SPD oder Grünen der CDU ein Direktmandat mehr abgenommen, bestünde der neue Landtag nicht aus 132, sondern nur 130 Abgeordneten: neben dem Mandat für die CDU wäre ein Ausgleichsmandat für die NPD weggefallen. Die Landes-SPD hat es nicht einmal für nötig gehalten, im Vorfeld der Wahlen mit den Grünen über diese Problematik auch nur zu reden.
10. In einer Situation, wo die SPD bei Kommunal- und Landtagswahlen in Dresden mittlerweile beinahe auf Platz fünf unter den Parteien hinter CDU, PDS und Grünen und nur wenige Stimmen vor der FDP liegt, ist für diese Arroganz der alten Dame SPD nun wirklich kein Platz mehr. Noch bei der OB-Wahl 2008 meinte die SPD, nur ein Kandidat mit SPD-Parteibuch habe eine Chance, die CDU-Kandidatin zu schlagen. Die Quittung für das frühzeitige Verlassen von Bündnisgesprächen mit anderen Parteien war ein souveräner Sieg der CDU-Kandidatin; der SPD-Kandidat kam trotz großem Materialaufwand und massiver Unterstützung von SPD-Bundesprominenz nur auf rund 12 %.
11. Ich kann durchaus die hartnäckige Weigerung der SPD-Kandidatin Sabine Friedel in Wahlkreis 45 der Sächsischen Landtagswahl erklären, eine Empfehlung für den Grünen-Kandidaten auszusprechen: Wie hätte sie da als aufstrebende Kandidatin mit landesweiten Ambitionen dagestanden? Auch Ute Vogt (SPD) nach vielen Höhen und Tiefen in Ba-Wü-Landes- und Bundespolitik nun praktisch chancenlose Mitbewerberin von Cem Özdemir in Stuttgart (aber abgesichert über die Liste) – fürchtet, eine Empfehlung für Özdemir käme innerhalb der SPD dem Ende ihrer Karriere gleich. Es sind solche innerparteilichen Statusfragen, an denen überparteiliche Empfehlungen trotz eines Interesses der Gesamtpartei am (falschen) Stolz einzelner scheitern.
12. Auf Bundesebene bewegt sich die SPD mit kräftigen Schritten auf die Große Koalition zu – bei vielen Sozialdemokraten (Steinbrück u.a.) macht es den Eindruck, dass Schwarz-Rot für sie nicht mehr nur Not-Lösung, sondern Herzensangelegenheit wird. Diese Richtung konnte und wollte ich nicht unterstützen. In Zeiten, wo in der Großen Koalition wichtige Entscheidungen nicht mehr im Parlament, ja nicht einmal in den Regierungs-Fraktionen, sondern in Kungelrunden im Kanzleramt getroffen werden, ist es erforderlich die Opposition und damit das ganze Parlament zu stärken.
13. Ich wollte als Grüner meinerseits nun keine Trotzhaltung an den Tag legen – dies ist angesichts der drohenden Mehrheit von Schwarz-Gelb und den daraus sich ergebenden Konsequenzen nicht angebracht. Um dies nicht zu vergessen: Der Mitbewerber von der CDU ist ein Hinterbänkler wie er im Buche steht und somit für Berlin wie für Dresden verzichtbar, seine Leistungen bestehen lediglich in etwas Braunkohlelobbyismus und solch zukunftsweisenden Aussagen wie der Hinweis anlässlich der Ernennung Karl-Theodor zu Guttenbergs zum Bundeswirtschaftsminister, “gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise hätte das Amt von einem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten übernommen werden müssen“.
Ich möchte einen Appell an die SPD richten: Kommen Sie von Ihrem hohen Ross herunter, begreifen Sie endlich, dass Ihre Partei in Regionen wie Dresden keine Volkspartei ist (und vermutlich in den nächsten Jahren auch nicht werden wird), kommunizieren Sie frühzeitig mit anderen Parteien, mit denen Sie viele inhaltliche Positionen verbinden. Verabschieden Sie sich von der Illusion, alleine durch eine SPD-Kraftanstrengung der letzten Woche Schwarz-Gelb verhindern zu können. Schwarz-gelb zu verhindern, und damit nicht zuletzt eine sozialdemokratische Regierungsverantwortung geht nur, wenn Sie wirklich konstruktiv und kreativ auf andere zu gehen. Einfach knapp zwei Wochen vor der Wahl anzukommen, ich will eine Wahlempfehlung von Ihnen, ist wirklich etwas arg billig.
Um es ganz klar zu machen: Einfach Stimmen an die SPD “verschenken” – dies konnte ich meinen Wählerinnen und Wählern nicht ernsthaft empfehlen. Ich hätte den Wählerinnen und Wählern in Wahlkreis 160, die beabsichtigen, Grün zu wählen, die Wahl der SPD mit der Erststimme nur dann empfehlen können, wenn sicher gestellt gewesen wäre, dass diese Stimmen damit auch die Stärkung grüner Positionen bewirken.
Was das im Einzelnen bedeuten kann, hätte sich vermutlich am Besten persönlich klären lassen. Unsere Kontaktdaten waren den relevanten Sozialdemokraten bekannt.